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Von
Angesicht zu Angesicht
Mimik-Gebärden-Emotionen
Museum Morsbroich
Leverkusen
30. September 2000 - 7. Januar 2001
Der Arbeit
von Volker Hildebrandt liegen Fotovorlagen - etwa aus den 30er, 40er Jahren stammend
- zugrunde. Jeweils acht Köpfe männlicher und weiblicher Personen in zwei Reihen
gehörten ursprünglich zusammen. Die endgültige Arbeit ist so komponiert, daß sie
aus den Bilderserien einen Block von sechs Reihen mit je acht Bildnissen zusammenfaßt.
Es sind keine genormten Fotografien, wie sie beispielsweise Cesare Lombroso (1836-1909)
von Zuchthäuslern als Grundlage seiner Schädelphysiognomik anfertigen ließ, um
eine Verbrecherphysiognomie zu konstruieren. Die Gesichter sind hier mit Hals
und teilweise Brustansatz meist frontal, wenige auch im Profil, in verschiedenen
Situationen und "Stimmungen" aufgenommen, so daß individuelle Unterschiede in
Kleidung, Frisur und in der wechselnden Mimik zu erkennen sind.
Aus der unbefangenen
Betrachtung der Bildnisreihen geht nicht hervor, daß es sich um Porträtfotografien
von Triebkranken handelt, zusammengestellt im Rahmen eines Tests der diagnostischen
Psychologie, des Szondi-Tests (Leopold Szondi, 1893-1977). Dieses Testverfahren
untersucht die individuelle Triebstruktur einer Versuchsperson, indem ihr diese
Bildnisserien zwecks Auswahl von je zwei sym/anti-pathischen Physiognomien vorgelegt
werden. Das Verfahren geht dabei nicht von dem in der Physiognomik üblichen Parallelismus
von äußerer Gestalt und innerem Wesen aus, vielmehr erfolgt die Wahl angesichts
der vorgelegten Porträts unbewußt nach affinen Strukturen.
Die 48 Fotografien
sind von Hildebrandt weiterbearbeitet, vergrößert und mit einem schwarzweißen
Punktenetz überzogen worden. Diese punktartige Übermalung gleicht einer Bildauflösung,
wie sie vom fernsehen und Flimmern bekannt ist. Die dargestellten Physiognomien
sind so zu "Medienmenschen" geworden, die einer Scheinwelt angehören, in der nur
noch die Oberfläche zählt. Solche Medien-Bilder sind in unserem Alltag überall
gegenwärtig und sagen über die Abgebildeten wenig aus. Das grobe Punkteraster,
das die Gesichter leicht verschwommen erscheinen läßt, wird zum Mittel der Distanzierung
auch gegenüber den zugrundeliegenden Test-Fotografien. Die malerische Formulierung
setzt also den Test außer Kraft. Und auch die blockhafte Anordnung, die alle Physiognomien
zugleich erscheinen läßt, macht sie zu einer eher beliebigen Gruppe von Individuen.
So ist ein Freiraum entstanden für eigene Entscheidungen des Betrachters; Sympathie
und Antipathie liegen nun in seinem persönlichen Ermessen.
(Text von
Ilske Konnertz, entnommen dem Katalog zur Ausstellung "Von Angesicht zu Angesicht".
Mit freundlicher Genehmigung des Museums Morsbroich Leverkusen)
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